Der Bruch

Was ging in den beiden Wesen vor?
Waren sie meine Eltern?
Musste ich dasselbe Leben führen wie sie?
War ich dazu geboren, auf die Jagd zu gehen, zu kämpfen, zu rauben und zu töten?
Jeder neidete einem anderen seinen Besitz.
Es wurde immer nur geraubt und das Gebiet eines anderen erobert.
In dieser ganzen Zeit hatte ich mein Gefühl für die Kunst nicht wahrgenommen, aber nun drängte es sich mir wieder auf.
Es wuchs etwas in mir, dem ich keinen Widerstand bieten konnte.
Es wurde immer inniger und ich begann, wieder an meine Zukunft zu denken.
Was sollte ich hier noch tun?
Ich beschloss, darüber mit meinen Eltern zu sprechen, und am nächsten Morgen hielt ich den Augenblick für gekommen.
Mein Vater fand es lächerlich und brach in ein leidenschaftliches, nahezu animalisches Gelächter aus, und ich wurde rot vor Wut, als auch meine Mutter die ohnehin schon gespannte Atmosphäre mit ihrem Hohngelächter verschärfte.
Ich sagte ihnen, dass ich nicht sein konnte, was sie von mir wünschten, und dass ich nicht zum Herrscher geboren sei.
In diesem Augenblick spielte ich mit meinem Leben, doch ich hatte reiflich überlegt, was ich zu tun hatte.
Ich wurde innerlich dazu getrieben, was ich deutlich fühlte, und ich setzte alles auf eine Karte.
Mir war also bewusst, was ich tat, und trotzte der Herrschaft meiner Eltern.
Noch weiter zu sprechen wurde mir nicht erlaubt.
„Du, ein Künstler?
Lächerlich“, wiederholte mein Vater.
Trotzdem sagte ich noch, dass ich nicht geeignet sei für das, was sie von mir wollten, und bat: „Lasst mich gewähren.“
Aber das war zu viel.
Wie ein wildes Tier sprang er auf mich los und schleuderte mich durch den Raum.
Darauf ging er fort und auch meine Mutter entfernte sich.
Er kehrte wieder zurück und sagte: „Ich gebe dir einen Tag Bedenkzeit, länger nicht“, woraufhin er wieder verschwand.
Ich ging fort, um in der Natur meine Ruhe wiederzufinden.
Unbewusst führten mich meine Schritte zu meinem geliebten Platz im Wald, wo ich so oft mit Marianne weilte, und ich setzte mich nieder, um nachzudenken.
Eine gewaltige Kraft durchfuhr mich und mein Entschluss stand so fest, als habe er sich in die Tiefe meiner Seele eingeprägt.
Ich sollte und musste so schnell wie möglich von hier fort, sonst würde es mich das Leben kosten.
Ich fühlte deutlich, dass ich mich in allem würde beherrschen müssen, wenn ich ihn nicht zum Äußersten treiben wollte.
In Gedanken starrte ich vor mich hin, doch auch die Natur hatte sich verändert.
Ich stand auf Boden, der mich innerlich versengte und den ich hasste.
Dann zog meine frühe Jugend an mir vorüber.
Wo war Marianne?
Was war aus ihr und ihren Eltern geworden?
Würde ich sie noch einmal wiedersehen?
Diese armen Menschen hatten doch nichts Böses getan?
Sie waren unschuldig.
Hier hatte sie für mich gesungen, ich hörte noch ihre liebliche Stimme.
Wie glücklich waren wir beide gewesen.
Es gab mir nun Kraft, um bis zum Äußersten zu kämpfen.
Ich kämpfte für mein Glück und mein Gefühl, ich kämpfte für mich selbst, das glaubte ich zumindest, denn wofür sonst erlebte ich dies alles?
Erinnerungen kehrten eine nach der anderen in mich zurück; sie waren voller Lebensfreude.
An dieser Stelle waren wir durch meine Kinderfrau ehelich verbunden worden.
Wie klar und präzise waren damals schon meine Gedanken.
Hier begriff ich, dass ich mich in nichts verändert hatte, von Kind an war ich so gewesen.
Als ich an meine Geburtstage dachte, kam in mir eine Wut auf das andere Wesen auf.
Jenes Glück würde ich ihnen niemals gönnen, ich ließ mich nicht fesseln, wollte mein eigener Herr und Meister sein.
Ich zerschlug all die Gesetze und Protokolle, da ich nun als Handelnder auftreten musste, und begriff, was mich erwartete.
Das, was kommen konnte, bedeutete, dass mein Leben an einem seidenen Faden hing.
Sie konnten mit mir machen, was sie wollten und wünschten.
Ihre elterliche Macht war unbegrenzt und ich sah mich bereits in der Folterkammer, um mich zu zwingen.
Sie hatten das Recht dazu.
Ich schaute auf meinen armen Körper und fühlte bereits die Qualen, die er erleiden würde.
Als ich daran dachte, ging ein stechender Schmerz durch meine Brust.
Bis jetzt hatte ich wenig gebetet, und doch schickte ich Gedanken um Hilfe hinauf.
Meine Gegner waren mir zu mächtig, ich würde den Kürzeren ziehen.
Lange bat ich in Gedanken um Hilfe und es kam eine wohltuende Ruhe in mich.
Ein sanfter Wind fuhr durch das Gebüsch, was mich unwillkürlich erschauern ließ.
Ich empfand es als Verrat, denn ich hatte in nichts mehr Vertrauen.
Es braute sich etwas zusammen und diese Stille machte mich ängstlich.
Meine soeben gefühlte Ruhe löste sich darin auf und ich wurde ein Spielball von verschiedenen Gefühlen.
Alles um mich herum war nun in tiefer Ruhe, als wartete es auf den Sturm, der sich anbahnte.
Es war so beängstigend, dass ich diesen Sturm zu fühlen glaubte.
Ich sah Blitze und hörte das Getöse von Unwetter.
Das Heulen wurde stärker und kräftiger und entwurzelte die größten Waldriesen.
Jahrhundertelang hatten sie den Elementen widerstanden, nun wurde all dieses Schöne dem Erdboden gleich gemacht und vernichtet.
Ich erschrak vor mir selbst, als ich dies fühlte, sodass ich mich betastete und nicht wusste, ob ich wachte oder träumte.
Aber ich war wach, doch ein sonderbares Bild durchfuhr mich.
Ich kehrte zu diesem Bild zurück und musste akzeptieren, dass ich es richtig erfühlt hatte.
Alles um mich herum war zerstört, von meinem Elternhaus war nichts mehr zu sehen.
Einst stand dort die stolze Burg meiner Vorfahren, nunmehr war sie ein Trümmerhaufen.
Nun hörte ich Hilferufe und eilte in die Richtung, aus der dies zu mir kam.
Meine Schritte führten mich zu meinem Elternhaus und ich sah, dass sich alles in gutem Zustand befand.
Mit einem Ruck kam ich wieder zu mir zurück.
Wie konnte das sein?
Woher kamen diese Gefühle?
Ich hatte doch den Sturm gehört, die Waldriesen fallen sehen und die Hilferufe ganz deutlich gehört.
Träumte ich denn, war ich nicht ich selbst?
War ich mir des Lebens um mich herum nicht mehr voll und ganz bewusst?
Ich bin sicher überreizt, dachte ich, und muss sehen, dass ich zur Ruhe komme.
Trotzdem fand ich es sonderbar, denn ich sah wirklich, dass es geschah.
Um mich herum war es nun ruhig und ich kehrte an die Stelle zurück, von der ich gekommen war.
Auch hier war es ruhig und still, sehr still sogar.
Die Vögel sangen ihr wunderschönes Lied, was mir gut tat und mich wieder zu mir selbst zurückbrachte.
Ach, wie müde war ich.
Aber warum war ich nicht wie andere Kinder.
Warum diese merkwürdigen Dinge von vorhin?
Ich hatte es doch gefühlt und es war durch mich hindurch gegangen, sehr deutlich war es gewesen.
Dort, an diesem Baum sah ich plötzlich noch Spuren von meiner Sonne, meinem Licht.
Nun wusste ich auf einmal, warum ich diese gemacht hatte.
Ich sehnte mich nach Glück, Licht und Wärme, doch es wurde mir nicht gegeben.
Mein Licht war von den Elementen vernichtet worden.
Wenn ich getan hätte, was meine Eltern wünschten, wäre dann alles anders gewesen?
Aber nein, ich hatte es schließlich versucht.
Dieser Vorfall machte mich so fassungslos, dass ich nicht daran denken konnte.
Nun sah ich in allem Gefahr und Zerstörung.
Auch mein Gott war zerfallen, Er, den man Gott nannte und anbetete.
Ich konnte nicht beten und dennoch dachte ich oft an Ihn, schon als Kind.
Wie hatte ich mit Ihm gesprochen?
Dann kehrten meine Gedanken zu meinem Licht zurück.
Es geschah durch einen Regenschauer, langsam aber quälend zerflossen mein Glück und mein Licht.
War dies mein Leben?
War dies ein Symbol von mir selbst?
Wie kam ich dazu, so zu denken, von wem waren diese Gedanken?
Ich fand mich sentimental, sprang von dem Platz auf, an dem ich saß, und machte einen ausgedehnten Spaziergang.
Ich fühlte mich fiebrig, aber die Trübheit von vor einigen Tagen fühlte ich nicht mehr.
Was hatten die Gelehrten bloß mit mir gemacht?
Mein Gehirn untersucht?
Aber wie, sie konnten doch nicht in meinen Kopf schauen?
Diese Gedanken kamen in mir auf und ich glaubte, das Rätsel zu entschlüsseln.
Man hatte mich zum Einschlafen gebracht und mich womöglich gezwungen, dass ich ihnen ohne es zu wollen meine wahren Gefühle mitteilte.
Aber war das möglich?
Reichte ihre Weisheit so weit?
Einer von ihnen hatte mich mit seinem Blick durchbohrt, was ich erst jetzt verstand.
Doch ich verwarf all diese Gedanken, mir war alles egal.
Auf meinem Spaziergang jedoch kehrte ich zu der Zeit zurück, als ich hier Hand in Hand mit Marianne spazierenging.
Eine herrliche Zeit war das gewesen.
Wir hatten „Begraben“ gespielt und ich hatte ihre Figur gemacht.
Wo war sie?
Ach, in meinem Museum.
Ich hatte meine Figuren fast vergessen.
Bald war ich an dem Ort und erkannte die Stelle, wo meine Miniaturfiguren versteckt waren.
Wenn Marianne noch lebte und Form besäße und nicht wie meine Sonne zerflossen wäre, wie glücklich würde mich das machen.
Vorsichtig entfernte ich die Erde, und ja, meine erste Figur, die ich hervorholte, war noch am Leben.
Vor mir lag Marianne, wie eine Mumie in Tücher gewickelt holte ich sie aus ihrem Grab hervor.
Sie lebte noch und die Figur war hart geworden, sie war vor dem Zerfall bewahrt geblieben.
Meine Marianne, meine liebe kleine Freundin, dich allein hab ich lieb.
Dir konnte ich vertrauen.
Aber wo bist du jetzt?
Ich drückte sie an meine Brust und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Die Ähnlichkeit war sehr stark, aus ihren Äuglein, mit denen sie mich ansah, kamen kleine Lichter.
Es war, als spräche sie zu mir, aber wie sehr ich auch lauschte, ich verstand sie nicht.
Auch hatte ich das Gefühl, als ob ich sie schon sehr lange kannte.
Dieses Gefühl ging weiter als meine Jugendjahre, es konnten wohl hundert Jahre sein.
Ich konnte dies nicht in Worten ausdrücken, denn es war so sonderbar, doch ich glaubte, sie noch besser zu kennen als mich selbst.
Dann zog das Bild unserer Trauung an mir vorüber, und auch hierin fühlte ich etwas Merkwürdiges.
Ich fühlte mich emporgehoben, dass ich mich im Gefühl von der Erde entfernte, als wenn diese Verbindung im Himmel geschlossen worden war.
Doch ich musste selbst darüber lachen, denn meine Fantasie spielte mir sicher einen Streich.
Aber wie teuer war mir nunmehr diese Figur.
Die Erde, aus der sie gemacht war, hasste und verachtete ich jedoch, weil sie meinen Eltern gehörte.
Trotzdem wollte ich die Figur behalten; für mich war sie ein großer Schatz, eine der vielen schönen Erinnerungen aus meiner frühen Jugend.
Eine Zeit lang stand ich in tiefes Nachdenken versunken da.
Wo sollte ich meine Marianne lassen?
Mit in mein Zimmer nehmen?
Dort drohte ihr Gefahr.
Lange brauchte ich nicht lange nachzudenken; ich legte sie an dieselbe Stelle nieder, an der sie hart geworden war.
In einer glücklichen Stimmung kehrte ich heim.
Der Tag verging, morgen würde ich auf die Frage meines Vaters antworten müssen.
Ich war zum Äußersten bereit und bereitete mich auf die Dinge vor, die da kommen sollten, wie grässlich sie auch sein würden.
Am nächsten Morgen sprach ich zunächst mit meiner Mutter, die mir verschiedene Fragen stellte und sehr böse wurde, als ich ihr meinen Plan mitteilte.
„Warum setzt du dir diese Dinge in den Kopf?
Du bist ein Fluch für unser Geschlecht und verdienst es, gefoltert zu werden.
Auf mich brauchst du nicht zu zählen, dein Vater wird handeln.
Noch ist es nicht zu spät, noch kannst du unsere Seite wählen, falls du zu anderen Gedanken kommst.
– Künstler!“, ließ sie darauf folgen und brach in schallendes Gelächter aus.
Ihre Blicke durchbohrten mich, doch ich blieb ruhig, denn dagegen konnte man nicht anreden und ich wartete also, bis mein Vater kommen würde.
Als er eintrat, fragte er mich sofort, was ich beschlossen hatte, zu tun.
In mich kam wieder diese ungeheure Ruhe, die nicht die meine war.
Wort für Wort abwägend und tief nachdenkend erzählte ich ihm von meinen Plänen.
Während ich sprach, wurde er feuerrot vor Wut, doch ich versuchte, ihm klarzumachen, dass ich nicht zum Herrscher geeignet war und meinen eigenen Gefühlen folgen wollte.
Da vergaß er sich und trat auf mich zu.
„Du Taugenichts, du Undankbarer!
Du verfluchst uns und verfluchst auch dich selbst!“
Durch meine Ruhe geriet er immer mehr außer sich und ehe ich es mich versah, hatte ich einen Schlag von seinen muskulösen Händen bekommen und taumelte zu Boden.
In einer Ecke des Raumes blieb ich liegen, der Schlag war furchtbar gewesen.
Meine Mutter sah all dem zu, ohne Widerstand dagegen zu leisten.
Natter, dachte ich, auf diese Art und Weise wirst du mich niemals erreichen.
Mein Vater rannte im Zimmer auf und ab und ich fühlte, dass mein Leben auf dem Spiel stand.
Ich blieb liegen, wo ich lag, war zu benommen, um aufstehen zu können.
Waren das meine Eltern?
Müsste ich sie lieb haben?
„Sie“, die diesem furchtbaren Spiel zusah, hatte mich unter ihrem Herzen getragen.
Nun lernte ich die beiden kennen, wie ich sie noch nie gekannt hatte.
In diesem Augenblick wurde ich mir bewusst, dass ich besser als zuvor wusste, was ich zu tun hatte.
Ich hatte mich entschieden und würde durchhalten, auch wenn es mich mein Leben kosten sollte.
Hier wollte ich nicht mehr bleiben, denn ich wäre nicht mehr imstande, weiterzuleben.
Ich sah sie als tierhafte Wesen, aber ein Tier hatte seine Freiheit, ein Mensch dagegen wurde gezwungen, zu tun, was ein anderer wollte.
Ob es falsch war oder nicht, man musste und würde gehorchen.
Ich wollte aber nicht gehorchen, niemals!
Ich trotzte seiner Stärke, hatte kein Gefühl mehr für ihn und meine Mutter, denn ich sah, dass sie es genoss, jetzt, da mein Leben auf dem Spiel stand.
Ich glaubte, dass mein Vater kurz vor einem Schlaganfall stand, so schnappte er nach Luft.
Wie sollte dies ausgehen?
Plötzlich blieb er vor mir stehen und betrachtete mich eine geraume Zeit.
Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Wut hatte den Höhepunkt erreicht.
Ich schaute vor mich, doch er rief mir zu: „Sieh mich an, du Unglücklicher!“
Ich sah zu ihm auf und erschrak.
Wie hatte er sich verändert!
Dies war kein Mensch mehr, dies war ein Tier.
Ich aber fühlte mich wie ein neugeborenes Kind, ich konnte ja denken, nichts hinderte mich.
Es war, als ginge mich dies alles nichts an.
Es war dasselbe Gefühl, das ich bereits einige Male empfunden hatte, als ich modellierte, ich fühlte dies sehr deutlich.
„Steh auf“, rief er, „steh auf oder ich erwürge dich.“
Ich versuchte, aufzustehen, doch es war mir nicht möglich.
Ich war zu benommen, meine Knie gaben nach und ich fiel zurück.
Er dachte, dass ich nicht aufstehen wollte, und nochmals schrie er mir zu: „Steh auf.“
Aber ich konnte nicht und blieb liegen.
Dann packte er mich, hob mich bis hoch über seinen Kopf und schleuderte mich einige Meter von sich weg.
Dort blieb ich liegen, kein Klagelaut kam über meine Lippen.
Das Blut floss aus meinem Mund, doch es war noch nicht genug.
Wieder stand er vor mir und brüllte mir zu: „Sprich, los, sprich, was wünschst du zu tun?“
Ich konnte nicht sprechen, denn ich hatte nichts mehr zu sagen.
Zum zweiten Male wurde ich gepackt und mein Körper flog durch den Raum, worauf ich mit einem Knall aufschlug.
Nochmals forderte er mich auf zu sagen, wie ich auf diese Gedanken kam.
Wer hatte mir dieses Teuflische eingeflüstert?
Wer hatte mich angesteckt und vergiftet?
Ich fühlte einen stechenden Schmerz in meiner Brust und war wie gebrochen.
Meine Mutter ließ ihn gewähren, sie sprach kein Wort, sie stimmte der Züchtigung zu, die er mir verpasste.
Plötzlich rannte er aus dem Zimmer.
Meine Mutter blieb, doch sie sprach kein Wort.
Wie elend fühlte ich mich!
Nach einigen Minuten kam er zurück und warf mir einige Dokumente vor die Füße.
„Hier, du Lump, verlass mein Haus!
Deine Leiche vergiftet diesen Boden, wenn ich dich nicht auf andere Gedanken bringen kann.“
Ich verstand ihn sofort.
Mein Leben war gerettet, denn er fürchtete sich vor meiner Leiche.
Ein kraftvolles Glück durchströmte mich.
Dann verließen beide den Raum und ich war allein.
Nach einer kurzen Zeit versuchte ich, mich zu bewegen.
Ach, wie tat mir alles weh!
Ich bot all meine Kräfte auf, denn hier konnte ich nicht liegen bleiben.
Sofort überfiel mich eine Angst, ob etwas gebrochen war?
Nein, ich konnte mich bewegen und mit viel Mühe gelang es mir, auf mein Zimmer zu kommen.
Ich legte mich auf das Bett nieder und nachdem ich eine Weile geruht hatte, legte ich meine Kleider ab und betupfte meine Brust und andere Körperteile, die verletzt waren, mit kaltem Wasser.
Das tat mir gut und es erfrischte mich sogleich.
Nun fing ich an, nachzudenken, denn ich musste so schnell wie möglich von hier fort.
Noch lebte ich, und er konnte seinen Plan ändern.
Dann erwartete mich die Folterkammer und das würde mein Ende bedeuten.
In ihm lagen Angst, Schrecken und Aberglaube, doch ich hatte nichts von all dem.
Die Dokumente hatte ich unbewusst ergriffen und mitgenommen.
Ich wusste ganz sicher, dass ich meinen Willen nicht darauf gerichtet hatte.
Was waren das für Dokumente?
Ich betrachtete sie Stück für Stück.
Meine Geburt und Herkunft hatte er vernichtet.
Doch es gab eins, das einen Wert hatte und das ich einwechseln konnte.
Dies war nunmehr mein einziger Besitz von den vielen Millionen, die er hatte.
Ein Almosen, doch ich war zufrieden, mehr konnte ich nicht verlangen.
Ich ruhte noch ein wenig und danach würde ich mich fertigmachen, um fortzugehen.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch in meiner Nähe und hörte, wie leise flüsternd „Lantos“ gerufen wurde.
Ich rief zurück, man möge zu mir kommen, und der alte Diener meines Vaters trat ein.
„Was wünschst du?“, fragte ich ihn.
„Kann ich Ihnen helfen?“, sagte er zu mir.
„Du traust dich, zu mir zu kommen?“
„Ich wollte Ihnen kurz sagen, dass Ihre Eltern für einige Tage fortgegangen sind.“
Der alte Getreue sah mich an und sprach weiter: „Wenn Gott es Ihnen persönlich sagen könnte, würde Er Ihnen raten, zu gehen.“
„Wie kommst du auf diese Worte und warum sagst du mir das?“
„Sie wissen, dass ich Sie als Kind gekannt habe.
Schon in ganz jungem Alter, als Sie noch in Ihrer Wiege lagen, wurde mir dies alles schon prophezeit.
Ich habe jedoch nie darüber gesprochen.“
„Wer hat das getan?“, fragte ich interessiert.
„Eine Frau, aber Sie wissen, dass sie gehängt werden wird, wenn Ihre Eltern das erfahren.
Sie sagte: ,Dieses Haus geht zugrunde.
Gott gebe Ihnen die Kraft, dass Sie schweigen können, sonst ist Ihr Leben in Gefahr‘, und ich spreche erst jetzt.“
„Komm zu mir, lieber Freund.“
Ich ergriff seine alten Hände und küsste sie.
„Lantos, mein Lantos!
Die Welt steht Ihnen offen.
Gott leite Sie, möge Sein Segen auf Ihnen ruhen.“
Ich dankte ihm für diese innigen Worte, denn ich wusste, dass er sehr gläubig war.
„Sind wir allein in diesem Haus?“
„Wir sind allein, aber ich muss fortgehen.“
„So lebe wohl, mein Freund, leb wohl.“
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Ein Freund war fortgegangen.
Trotzdem strahlte die Sonne in diesen düsteren Ort, durch die Liebe und den Glauben eines einzigen Menschen.
Merkwürdig war das, was er mir erzählte.
Es bezog sich auf das, was ich vor einigen Tagen wahrgenommen hatte.
Aber ich musste nun an mich selbst denken und handeln.
Gott sei Dank, sie waren fortgegangen.
Ich begriff dieses Fortgehen und war dankbar gestimmt.
Am Abend fühlte ich mich schon viel besser, doch hier im Haus konnte ich nicht zu tiefen Gedanken kommen und so machte ich mich fertig, um noch einen Spaziergang zu machen.
Ich fühlte mich ziemlich gut, es war nichts gebrochen.
Aber wo sollte ich hin?
Während meines Spaziergangs reifte mein Plan und ich fühlte, wohin ich gehen sollte.
Ich würde in einem anderen Land mein Glück versuchen.
Künstler, bildender Künstler wollte ich werden.
Meine Gefühle für die Kunst kehrten in mich zurück.
Ich fühlte mich wieder wie in meinen Kinderjahren.
Es wurde immer bewusster, schärfer und deutlicher umrissen.
Ich kam an die Stelle, wo ich Marianne versteckt hatte, und blieb in Gedanken stehen.
Sie wollte ich mitnehmen.
Sie, meine liebe kleine Freundin, würde mich inspirieren.
Ich holte ihr Bildnis hervor und es war noch völlig intakt.
Wenn ich an jene Zeit dachte, fühlte ich einen Strom durch mich hindurchgehen, den ich als Glück erlebte.
Eine Zeit lang sah ich auf die Figur.
Das waren die schönsten Stunden meines Lebens gewesen, die ich erlebt hatte.
Womöglich konnten sie zurückkehren!
Bis spät in der Nacht blieb ich in der Natur, die meine Wunden linderte und meinen Geist stärkte.
Hier kam ich zu mir selbst.
War ich verflucht?
Ruhte auf mir ein Fluch?
Lange dachte ich hierüber nach.
Wer sollte mich verfluchen?
Trotzdem war es merkwürdig, dass ich von meiner Jugend an unseren Besitz verabscheut hatte.
Warum waren jene Gefühle in mir?
Hatte dies alles eine Bedeutung?
Warum wollte ich diesen Reichtum nicht?
War jenes Leben nicht viel einfacher?
Was erwartete mich nun?
Ich wusste, dass das, was mich erwartete, schwieriger sein würde.
Das irdische Glück lag hier zu meinen Füßen.
Ich konnte befehlen, mich ohne Sorgen ausleben, wurde bedient und auf Händen getragen.
Doch ich fühlte die tiefe Kluft zwischen mir und meinen Eltern, ihrem Geschlecht und Besitz.
Alles erwies sich jedoch als ein Rätsel für mich und es sollten Probleme bleiben.
War das Liebe zwischen Eltern und Kind?
Mich widerte alles an.
Wer besaß Liebe?
Wenn es einen Gott gab, war er dann ein Vater der Liebe?
Konnte er dies alles gutheißen?
War dies Gottes Absicht?
Merkwürdig, dass ich jetzt an einen Gott zu denken begann, in dem Moment, da mich ein neues Leben erwartete!
Ruhte auf ihrem Leben und dem meinen ein Fluch?
Dieser Fluch ließ mir keine Ruhe; ständig kehrte er in meine Gedanken zurück.
Würde ich nochmal hierher zurückkehren?
Sollte ich den beiden noch einmal begegnen?
Wo und wann würde das sein?
Ich wollte sie nicht mehr sehen, sie waren nicht zu erreichen.
Ich wollte ihr Leben nicht, nichts von allem, was zu ihrem Besitz gehörte.
Ich fühlte in diesem Augenblick, dass es eine lange, sehr lange Trennung sein würde.
War es für dieses Leben?
Gab es ein Weitergehen?
Ein Leben nach dem Tod?
Falls dem so war, bestand dann die Möglichkeit, dass ich ihnen dort wieder begegnete?
Würden wir einander dann verstehen?
War ich derjenige, der sie nicht verstand?
Ich hatte mich dies bereits einige Male gefragt und mir selbst geantwortet, und noch immer fragte ich es mich, immer und immer wieder.
Aber schließlich wurde ich gleichgültig; ich würde gehen, und zwar so bald wie möglich.