Zur Hölle

Der Bruder kam mich holen, nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass ich bereit war.
Aus meiner Sphäre stiegen Hunderte hinab und ich sollte sie an der Grenze der dunklen Gefilde treffen.
Mein Lehrmeister begleitete mich dorthin und er würde von seiner eigenen Sphäre aus auf mich einwirken und mir helfen.
Ich wusste nun, dass dies möglich war, denn ich hatte es gelernt.
Den Augenblick der Trennung werde ich aber nie vergessen.
Als er mir in die Augen blickte und all seine große Liebe da hineinlegte, sodass meine Seele übervoll von dieser ungeheuren Kraft war, da sank ich erneut auf die Knie und dankte ihm für alles.
Doch er wollte keinen Dank; hier will ein Mensch, der für andere arbeitet, niemals Dank haben.
Da ging er zurück, mein Lehrmeister, um einem anderen Menschen zu helfen.
Ich wurde in eine kleine Kolonne eingeteilt.
Zunächst mussten wir einige Tests ablegen und uns danach auf ein geheimes Zeichen konzentrieren, an dem wir die Brüder untereinander erkennen würden.
Jenes Zeichen war ein siebenzackiger Stern, das Symbol der geistigen Abstimmung.
Wer keine Abstimmung besaß, würde dieses Zeichen nicht wahrnehmen können.
Es war also schon irgendein Besitz in mir, wenn es auch noch so wenig war, aber ich war wach, und wer wach ist, war bewusst und lebte.
Nun fühlte ich mich sehr ruhig.
Um mich herum sah ich ein rötlich braunes Licht, doch je tiefer wir hinabsteigen sollten, desto finsterer sollte es werden.
Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartete, dann wäre ich nicht so ruhig gewesen, ich hätte mich nicht beherrschen können.
Ich war natürlich neugierig, wohin man uns führen würde.
Es musste dort schrecklich sein.
Die Tests, die wir abzulegen hatten, nahmen eine geraume Zeit in Anspruch; doch als auch das vorbei war, wurde zu uns gesprochen und wir wurden noch auf verschiedene Möglichkeiten aufmerksam gemacht.
Unter uns waren fähige Leiter, viele von ihnen waren bereits einige Male hinabgestiegen und sie waren noch stets bereit, diese Arbeit zu tun, um diesen armen Menschen zu helfen.
Vor allem mussten wir uns in allem beherrschen, das hatte mir auch der Bruder ans Herz gelegt, ehe er Abschied von mir genommen hatte.
Dass es dort gefährlich sein würde, fühlte ich schon.
Endlich war der Augenblick gekommen, der für mich eine Sternstunde in der Geschichte des Fortschritts bedeuten sollte.
Wir teilten uns in Hunderte von Gruppen auf.
Wir waren zu fünft, und darunter war ein fähiger Leiter.
Wir stiegen nicht durch die Pforten der Hölle hinab, sondern die Leiter verbanden sich direkt mit dem Innersten.
Täten sie dies nicht, so würden sie sogleich angegriffen werden, wie die Leiter uns erklärten und ich später auch begriff.
Trotzdem fühlte ich mich noch ruhig, doch als wir uns verbanden und somit in diesen Zustand aufgenommen wurden und uns anschickten, jenes Leben zu akzeptieren, da überfiel mich eine furchtbare Angst und mich beschlich das Gefühl, als schnürte mir jemand unvermittelt die Kehle zu.
„Diejenigen, die zum ersten Mal hinabsteigen, fühlen dies am heftigsten“, sagte der Leiter.
Schrecklich fand ich es, denn die Brüder, die mit mir hinabgestiegen waren, hatten sich in Bestien verwandelt.
Auch darüber erschrak ich heftig, obwohl ich dies alles doch schon auf der Schule gelernt hatte.
Dennoch überfiel es mich und nun begreifst du auch, wie nützlich dieser geistige Unterricht ist.
Als das vorbei war und ich mich etwas erholt hatte, gingen wir durch Straßen wie auf der Erde, aber rundherum lauerten die menschlichen Hyänen, die sich auf uns stürzen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen.
Der Leiter hatte mir und den anderen, die heftig erschrocken waren, geholfen, und vorwärts ging es, dem unbekannten und tierhaften Leben entgegen.
Lange brauchten wir nicht zu warten.
Nun roch ich einen abscheulichen Gestank, die Ausstrahlung derer, die hier lebten.
Auch davon wusste ich, und folglich ging es an mir vorbei, aber durch alles hindurch fühlte ich, dass mein Herz klopfte und ich doch nicht mehr so ruhig war.
Dein geistiger Leiter hat dir all dies verdeutlicht und der Meister sagt, dass ich dir davon nichts zu erzählen brauche.
Aber ich dachte an dich, Jozef, dass du den Mut gehabt hast, all dem als irdischer Mensch zu trotzen und dass du es ausgehalten hast.
Alle finsteren Mächte waren nun durch mich hindurchgegangen und ich war mit den anderen in der Hölle aufgenommen.
Dieses Leben hatte uns aufgesaugt.
Hier lebten Millionen von Menschen beisammen, alle Schiffbrüchige der Erde.
Hier sollte ich arbeiten und für lange Zeit bleiben müssen.
Der geistige Leiter machte mich darauf aufmerksam, dass einige aneinandergeraten waren.
Ich sah zu der Stelle, wo sie sich prügelten, doch binnen weniger Sekunden waren es hundert.
Diejenigen, die fielen, traten und schlugen um sich, bis sie bewusstlos zusammensanken.
Selbst dann ließ man sie nicht in Ruhe und schleifte sie weiter, bis sie völlig verschmutzt waren.
Über so viel Grausamkeit ärgerte ich mich und ballte meine Fäuste, bereit, mich auf sie zu stürzen, denn das war nicht mehr menschlich.
Der geistige Leiter hielt mich jedoch zurück und sagte: „Wollt Ihr selbst vernichtet werden?
Wurde EUch nicht beigebracht, dass Übergang Vernichtung und Verbindung bedeutet?“
Ich wusste es und trotzdem hatte ich nicht daran gedacht.
Wie Tiere lagen sie aufeinander und ich sah Blut.
Wissend, dass man im Geist lebt, ist es nahezu unbegreiflich, aber auch darüber hatte ich in der Schule reden hören.
Die Geschlagenen stießen beängstigende Schreie aus.
Mit einem weiteren Bruder sahen wir schließlich die Chance, einen von ihnen aus ihren Klauen zu befreien.
Es war ein alter Mann und er war bewusstlos.
Man hatte ihn beinahe zerrissen.
Was tust du auch in diesem Leben, dachte ich.
Wir trugen ihn weit weg und warteten ab, bis er zu Bewusstsein gekommen wäre.
Der Bruder neben mir, der bereits einige Male hinabgestiegen war, bestrahlte ihn.
Daran hätte ich nicht gedacht, und doch war mir dies auf der Schule gesagt worden, so wie alles, was ich in diesem Leben erleben würde.
In den höheren Sphären kannte man dieses Leben genau.
Im Antlitz des Mannes lagen tiefe Furchen und dieser Mensch sah aus wie ein altes wildes Tier.
Wie weit war er hinabgestiegen, welche Sünden hatte er begangen?
Er weinte und rief nach seiner Mutter, als er wieder ein wenig zu sich kam.
Durch die magnetische Bestrahlung war er bald wieder zu Bewusstsein gekommen.
Diese Strahlen wirken in diesem Leben Wunder.
Wie schrecklich ist es, hören zu müssen, dass ein steinalter Mann nach seiner Mutter ruft.
Wie furchtbar fand ich das.
„Ach, hilf mir“, jammerte er.
„Oh, dieses Gesindel!“
„Wir wollen Ihnen helfen“, sagte der Bruder zu ihm, „kommen Sie, folgen Sie uns!“
Der ins Unglück Gestürzte sah uns an, seine Augen waren blutunterlaufen.
Er sah uns aber nach wie vor an.
Plötzlich rief er aus: „Geht weg von mir, geht fort, lasst mich in Ruhe.“
Er schleuderte uns einige Scheltwörter und Verwünschungen entgegen und wir wären vernichtet, wenn seine Worte in die Tat umgesetzt würden.
Wir taten jedoch, als hörten wir es nicht und waren bestrebt, ihn zu beruhigen.
„Wir sind Freunde“, sagte der Bruder zu ihm, aber Freunden war er offenbar noch nicht begegnet.
Er sah uns an, als wollte er uns zerreißen.
Nun erst sah ich ein, wie schwer es war, diese Menschen von einem anderen Leben zu überzeugen.
Er ging auf unsere Worte nicht ein und schrie nur, dass man ihn in Ruhe lassen solle.
Er schalt und verfluchte uns alle, sogar Gott, und ehe wir es uns versahen, war er aufgesprungen und aus unseren Augen verschwunden.
Die Finsternis hatte ihn wieder verschluckt und sein altes, aber neues Leben begann wieder von vorne.
Meine erste Lehre war mir erteilt worden, ich hatte einem Menschen helfen wollen, doch dieser wollte nicht, dass ihm geholfen wurde.
Wie wir auch auf ihn eingeredet hatten, es nützte nichts.
Wir lösten uns wieder in der Menge auf und an einer Straßenecke, in einer dunklen Nische, sahen wir einen anderen Menschen.
Ob er Hilfe brauchte?
Ich trat auf das Wesen zu und fing an, ihn anzusprechen.
Es war ein Mensch, der ebenso wild aussah wie jener andere, aber ein wenig jünger war.
Der Bruder stand neben mir.
„Können wir etwas für Sie tun?“
„Für mich?“, sagte er ungläubig.
„Ja, für Sie.
Wir sind Ihre Brüder.“
Im selben Augenblick bekamen wir zu hören: „Hol euch der Teufel; ha, ha, Brüder!“
Erst jetzt sah ich, wie wild und wüst dieses Wesen war.
Doch wir gaben den Mut nicht auf und ich sagte: „Kommen Sie, es gibt ein anderes Land, in dem Sie nicht wieder angegriffen werden.
Folgen Sie uns, sagen Sie diesem Leben Lebewohl, bleiben Sie nicht hier.
Wenn Sie wollen, können Sie ein anderes Leben beginnen.“
Aber auch er verließ den Ort, an dem wir ihn gefunden hatten.
Nun waren wir allein und von den anderen Brüdern verlassen, inmitten dieses Pfuhls der Leidenschaft und des Schreckens.
Der Bruder führte mich in eine Gegend, in der man nur Baracken und Höhlen sah, in denen Menschen lebten.
Auf seiner vorigen Reise war er hier gewesen und dorthin wollte er wiederum gehen.
Nachdem wir eine Zeit lang umhergeirrt waren, fand er den Ort wieder, und wir befanden uns mitten im größten Elend, das ich jemals gesehen hatte.
Wir hörten Gejammer und gingen darauf zu.
Ein Mensch brauchte Hilfe.
Bald hatten wir diesen Ort erreicht und in einer finsteren Höhle lag ein menschliches Wesen.
In dieser Finsternis stieß es Jammerklagen aus, woran ich hören konnte, dass es eine Frau war.
Was sollte ich nun erleben?
Als wir uns näherten, sah ich erst deutlich, wie unmenschlich tief und elend dieses Leben war.
Eine Frau?
Auf der Erde eine Mutter und trotzdem so tief gesunken?
Ich dachte an diejenigen, die ich mit meinem Lehrmeister auf der Erde gesehen hatte.
War sie eine von ihnen?
„Was haben Sie verbrochen“, fragte ich das Wesen, „dass Sie in diesem Leben sind, in dieses Elend geraten sind?“
Kein Wort kam über ihre Lippen.
Sie hatte fast keine Kleider mehr an.
Sie begann, noch lauter zu jammern, und sie rief uns zu, zu verschwinden.
Ihre Kleider waren, das sah ich, in Fetzen gerissen.
„Geht weg“, rief sie uns zu.
Sie glaubte, dass auch wir Teufel waren.
„Lasst mich in Ruhe.“
Indessen dachte ich: Wie merkwürdig ist es doch, dass sie alle in Ruhe gelassen werden wollen, was tun sie dann hier?
„Wir wollen Ihnen helfen“, sagte der Bruder.
„Ich weiß, was diese Hilfe bedeutet“, sagte sie und begann, wieder aufs Neue zu jammern.
Bei jedem Schritt, mit dem wir ihr näher kamen, zuckte sie zusammen.
„Ihr verfluchten Männer, das Helfen kenne ich.
Ihr alle seid verflucht.
Ihr wollt uns besitzen und dann wie den letzten Dreck zurücklassen.
Lieber ersticke ich“, sagte sie.
Ich begriff, dass ihre Seele zerrissen war und dass ihr Herz blutete.
Aber wie wir auch versuchten, sie zu überzeugen, sie wollte nicht.
„Natternbrut, Hunde, tierhafte Scheusale, lieber ersticke ich“, sagte sie nochmals.
„Mit Gewalt, aber dann über meine Leiche.“
Um Gottes willen, dachte ich, was hat sie erlebt, doch ich erriet alles und fand es scheußlich.
Der Bruder wirkte durch Konzentration auf sie ein und dadurch wurde sie etwas ruhiger.
Ich stand vornübergebeugt und sprach zu ihr.
Was um mich herum und hinter mir geschah, konnte ich nicht wahrnehmen.
Ich war zu sehr in meine Arbeit vertieft, ihr zu helfen, als dass ich darauf hätte achten können.
Plötzlich stieß sie ein fürchterliches Geschrei aus, und ehe ich es mich versah, wurden wir beide angesprungen.
Sie schrie irgendwas von Dreckskerlen und Gesindel, doch all ihr Geschrei ging in diesem Tumult unter.
Ein wild aussehendes menschliches Tier hatte mich und sie in seinen Klauen.
Ich rollte zu Boden und über sie hinweg und klammerte mich an ihr fest, denn ich wollte sie nicht loslassen.
Unterdessen drosch ich auf das Tier ein, doch es war, als wollte eine Fliege einen Elefanten angreifen; ich hatte dem nichts entgegenzusetzen.
Ich verlor mein Bewusstsein und was ferner mit uns beiden geschah, das weiß ich nicht mehr.
In einer stillen Gegend, in einer anderen Umgebung und befreit von dieser dunklen Hölle kam ich wieder zu Bewusstsein.
Die arme Frau war noch stets bewusstlos.
Das Monster hatte mir fast die Kehle zugedrückt, und ich fragte den Bruder, was geschehen war.
„Wir sind von anderen Brüdern befreit worden“, sagte er, „und wir befinden uns in einer anderen Sphäre.“
„Gott sei Dank“, sagte ich.
„Können sie uns hier nicht erreichen?“
„Nein, das ist nicht möglich!“
„Wo ist dieses Tier?“, hörten wir sie fragen.
„Ruhig sein“, sagte der Bruder.
Durch die Hilfe des Bruders, der mir eine gute magnetische Behandlung gegeben hatte, war ich bald wieder zu mir gekommen.
Noch fühlte ich diese schrecklichen Klauen um meinen Hals.
Welch ein Untier war es doch, das uns überfallen hatte.
Ich sah zu der armen Frau und war glücklich, dass sie in unserer Mitte geblieben war.
Auch ihr wurde geholfen.
Nun versuchte der Bruder, mich mit einigen Streichbewegungen von dem beklemmenden Band zu befreien, was ihm vollkommen gelang.
Dann konnte ich besser denken und ich fühlte, dass meine Kräfte zurückkehrten.
Nun fragte die Frau:
„Wo bin ich hier?“
„Bleiben Sie ruhig, gleich fühlen Sie sich besser, hier droht keine Gefahr.“
Nun hatte ich also mit dem Leben nach dem Tod in der Hölle Bekanntschaft gemacht und war nicht besonders herzlich empfangen worden.
Die Frau war inzwischen eingeschlafen; wir ließen sie ruhig schlafen und würden warten, bis sie wieder wach wurde.
Der Bruder sagte: „Als wir angegriffen wurden, kamen einige von uns auf ihren Hilferuf hin herbei und sahen, in welch einem Zustand Ihr Euch befandet.
Ich hatte mich befreit, indem ich in meine eigene Abstimmung zurückkehrte, denn allein war ich nicht imstande, dieses Tier zu bezwingen.
Auch Iht müsst stets danach trachten, dies zu vermeiden; das ist Euch doch beigebracht worden?
Ihr müsst stets dafür sorgen, dass Ihr niemals in ihre Hände geratet, und Euch den Unglücklichen mit Taktik nähern, aber all das werdet Ihr nach und nach lernen.
Trotzdem habt Ihr sie beschützen können und das war fürwahr nicht so einfach.“
Mittlerweile war die Frau wieder zu Bewusstsein gekommen und hatte offensichtlich unser Gespräch mitgehört.
Auf jeden Fall wusste sie, dass sie in gute Händen übergegangen war.
Sie sah uns an und sagte: „Darf ich Ihnen danken?
Findet man noch gute Menschen?
Können wir noch hoffen und erneut darauf vertrauen, dass uns geholfen wird?
Gibt es einen Gott, der uns vergibt?
Ich will Ihnen folgen, ich weiß, dass Sie es gut meinen, und ich will nicht dorthin zurückkehren.
Ach, er, der mich in dieses Leben brachte, der mein Leben zerstörte!
Oh, dieser elende Schurke, der mich vernichtete!
Ich, die ich alles vergaß, kann und wird Gott mir vergeben?
Wie habe ich gesündigt, ich, die ich mich auf ewig dieser Kreatur gegeben habe, die mich besudelte und in diesen Abgrund zerrte.
Ich sank mit ihm in die tiefsten Tiefen, weil ich liebte; wie hat er mich vernichtet.
Mutter, ach, Mutter“, rief sie plötzlich, „Mutter, komm zu mir und vergib mir meine Sünden; vergib mir, was ich verbrochen habe.
Ach, Mutter, er hat mich getreten und geschlagen und verkauft.
Oh, dieses Tier in Menschengestalt!
Stets tiefer sank ich, Mutter.
Wie lange habe ich gebetet, hörst du mich nicht?
Du wirst nicht zu mir kommen können, und trotzdem weiß ich, dass du mich lieb hast.
Oh, habt Gnade, mein Gott und meine Mutter.
Ich will dieses Leben nicht mehr, ich will nicht zurück.
Zu dir will ich zurückkehren; mein Gott, vergib mir meine Sünden.
Mutter, Mutter, hörst du mich?
Man sagte mir bereits vor langer Zeit, dass ich dich rufen könne und dass du kommen würdest, aber ich habe mich nicht getraut, zu rufen.
Nun rufe ich schon eine Zeit lang, hörst du mich nicht?
Mutter, lass es nicht vergeblich sein, sonst falle ich zurück; allein kann ich mich nicht mehr auf den Beinen halten.“
Ich weinte, Jozef, und der Bruder ebenfalls.
Armes Kind, dachte ich, arme Frau.
Ich saß neben ihr und betete, dass ihr Wunsch erhört werden möge.
Plötzlich legte sich ein Schleier über ihren Blick, und als ich emporblickte, bewunderte ich ein schönes Wesen, das von leuchtenden Wolken getragen zu werden schien.
Vor ihren Augen schwebte ihre Mutter.
Sie manifestierte sich in dieser Finsternis, um ihr Kind zu retten.
Das war die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind!
Im letzten Augenblick wurde aus höheren Sphären eingegriffen.
Jetzt war sie zu erreichen, ich fühlte und sah es.
Dies war einem hohen Geist möglich.
Wenn der Verirrte innig um Vergebung flehte, dann bestand Verbindung und ein Gebet konnte Wunder wirken.
Das Wesen rief zu seiner Mutter und weinte immerzu.
Vor meinen Augen spielte sich eine prächtige Szene ab; es war ergreifend.
So etwas Schönes hatte ich noch nicht erlebt.
„Wirst du mir vergeben, Mutter?“, rief die arme Frau zu der Erscheinung.
Das erhabene Wesen nickte mit einem freudigen Lächeln auf dem schönen Antlitz.
Ein Engel des Lichts war in die Hölle hinabgestiegen, um seinem eigenen Kind zu helfen.
„Lass mich dir sagen, was ich tat“, rief die Unglückliche.
„Sage mir nichts“, hörte ich nun, „ich weiß alles; Gott hat dir vergeben, und arbeite, arbeite an dir; ich werde dir von hier aus zur Seite stehen.“
„Mutter, ach, komm zu mir, warum steigst du nicht von jener Höhe herab und kommst zu mir?
Mutter, bleibe bei mir, liebe Mutter.“
Doch die Mutter sagte nun: „Liebes Kind, ich muss gehen, ich werde zu dir zurückkehren.“
„Oh, du bist ein Engel, Mutter.
Kommst du wieder?“
„Ich komme wieder, mein Kind, ich werde über dich wachen.
Gott sei Dank, meine Gebete sind erhört worden; ich wusste“, hörte ich das schöne Wesen sagen, „dass ihr früher oder später zu helfen sein würde.“
Nun löste sich die Erscheinung auf und war vor unseren Augen verschwunden.
Ich hatte etwas Erstaunliches erleben dürfen.
Sie war fortgegangen, in andere Daseinssphären, in ihren eigenen Himmel.
Dieser Augenblick war großartig, und dies erlebte ich in der Hölle.
Hier konnte man also auch schöne Momente erleben.
Wir trugen die Frau in die Verbindungssphäre und übergaben sie in andere Hände.
Dort wurde für sie gesorgt und man würde ihr geistige Erste Hilfe leisten.
Wie weit war sie hinabgestiegen; aber ein Wesen wachte über sie und das war ihre Mutter.
Sie hatte Gott um Hilfe angefleht und diese Hilfe war gekommen.
Im unerwartetsten Augenblick begannen die göttlichen Kräfte zu wirken, und dann war Verbindung möglich.
Nun war ihr Kind auf den rechten Weg zurückgekehrt.
Es hatte mich tief getroffen; es war ein herrlicher Moment, dafür wollte ich allem trotzen.
Erst in der Hölle fühlte sie die Schrecken ihres eigenen Lebens.
Wie hatte sie gelitten, und nur, weil sie zu lieben glaubte.
Sie hatte ein Tier in Menschengestalt geliebt.
Doch sie war diesem Scheusal gefolgt, denn das Tier ließ sie nicht in Ruhe und ihr eigenes Leben war nicht anders gewesen als das seine.
Wie glücklich fühlte ich mich, dass ich zum ersten Mal einem Menschen hatte helfen dürfen.
Ich blieb eine kurze Zeit bei den Brüdern und Schwestern, und als ich mich wieder besser fühlte, stiegen wir beide wieder hinab, nachdem wir beschlossen hatten, zusammen zu bleiben.
Abermals fühlte ich, wie mich die Finsternis und jener stinkende Einfluss überfielen.
Es war furchtbar, dies immer und immer wieder aufs Neue erleben zu müssen.
Wiederum streiften wir durch die Straßen der Stadt, die durch Hass aufgebaut worden war.
Alle fürchteten, angegriffen zu werden, man mied einander.
Ich sah Gasthäuser, wo getrunken werden konnte, wie man es auf der Erde kannte, doch das Getränk verbrannte dich innerlich.
Dies war etwas Neues für mich, es widerte mich an und wir machten uns aus dem Staub.
Dort drüben kämpften sie wie wilde Tiere, aber nun ließ ich sie gewähren; ihnen war noch nicht zu helfen.
Der Meister sagt, dass du dies alles erlebt hast, davon brauche ich also nichts zu erzählen.
Aber immer wieder frage ich mich, Jozef: Wie hast du als irdischer Mensch das verarbeiten können?
Der Mensch, der herüberkommt, wird dies alles erleben und er wird sich dies fragen.
Denn wer auf unserer Seite von der Hölle reden hört und fühlt, dass er sich geistig bereichern will, der wird wie ich hinabsteigen und diese ganzen Zustände kennenlernen wollen.
Denn es ist geistige Weisheit, all dies zu wissen.
Plötzlich wurden wir angesprochen.
Vor uns standen einige Wesen und unter ihnen befand sich unser Leiter.
Wir waren froh, ihnen zu begegnen, ich war zutiefst erstaunt, als er mich fragte, ob ich dieser armen Frau hatte helfen können.
„Wisst Ihr denn davon“, fragte ich.
„Wir wissen alles, wenn wir es wollen.
Ihr seht, wir bleiben doch verbunden, auch wenn Ihr allein seid.
Ich wollte Euch zeigen, dass Ihr keine Angst zu haben braucht und dass stets Helfer da sind, wo Ihr Euch auch befindet.“
Dies gab mir einen gewaltigen Halt; die Leiter wachten über das Wohl und Wehe der jüngeren Brüder.
„Konzentration, mein Freund“, sprach er, und ich verstand ihn.
Dann gingen wir wieder auseinander.
Wir waren in verschiedenen Gebäuden gewesen und ich hatte schon viel von diesem Leben kennengelernt.
Trotzdem würde ich die Verbindungssphäre noch nicht aus eigener Kraft wiederfinden können.
Aber ich würde es in Erfahrung bringen, wie auch immer.
Das war geistiger Besitz und den wollte ich mir aneignen.
Ein Hauch des hiesigen tierhaften Lebens war für mich sichtbar geworden.
Ich sah noch verschiedene Raufereien, aber ich ging nicht darauf ein und ließ sie ruhig kämpfen, denn ich hatte mein Lehrgeld gezahlt.
Stundenlang schweiften wir umher und unbemerkt waren wir wieder in die Nähe der Höhlen und Baracken gekommen.
Auch dort wurde gerauft und zu einem bestimmten Zeitpunkt verlor ich den Bruder und stand mutterseelenallein in diesem Schrecknis.
Was nun, dachte ich, wie soll ich die anderen jemals wiederfinden?
Ich suchte und suchte, sah aber bei keinem Wesen den Stern, an dem ich einen Bruder erkennen musste.
Lange dachte ich darüber nach, was ich anfangen sollte.
Wie ein aufgescheuchtes Reh rannte ich von einer Straße in die andere.
Man trieb mich in alle Richtungen, bis ich hoffnungslos in Verwirrung geriet.
Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, da mich die Angst überfallen hatte.
Dadurch verlor ich meine Konzentration ganz und gar und kam zu dem Entschluss, mich irgendwo hinzustellen, sodass man mich ansprechen würde.
War es ein Bruder, dann war ich gerettet, und war es einer dieser schrecklichen Menschen, dann würde ich schon weiter sehen.
Ich stellte mich an einer Straßenecke auf und wartete ab.
Warum hatte ich mir den Weg, den ich mit dem Bruder zurückgelegt hatte, nicht eingeprägt?
Daran hatte ich nicht gedacht.
An der Ecke, wo ich stand, wurde ich schon bald von einem furchtbaren Individuum angesprochen.
„Was tust du hier?“
Ich hatte keine Antwort parat und wusste nicht, was ich sagen sollte, ballte meine Hände aber zu Fäusten und war bereit für den Fall, dass es mich angreifen würde.
Ehe ich es mich versah, war ich schon in eine fürchterliche Schlägerei verwickelt.
Ich rollte zu Boden, das Tier auf mir drauf.
Es war wie ein Tiger.
Was für Kräfte besaßen diese Wesen!
Ich war dem nicht gewachsen, schrie Zeter und Mordio und fühlte mich rettungslos verloren.
Dann fühlte ich, dass ich wegsank, und wusste nichts mehr.
Als ich meine Augen aufschlug, standen einige Brüder an meiner Seite – ich war in der Verbindungssphäre.
Man hatte meine Hilferufe gehört und mich aus seinen Klauen befreit.
Scheußlich waren diese Menschen hier und abermals hatte ich eine teure Lektion empfangen.
Durch all dieses Elend lernte ich; trotzdem war ich wieder nicht aus eigener Kraft hier eingetreten und ich begann denn auch, mutlos zu werden.
Wie schwer war es, dort zu arbeiten.
Dies alles hatte mich zu sehr angegriffen und ich wollte zu meiner eigenen Sphäre zurück, denn sonst würde ich es nicht aushalten; ich fühlte mich wie gebrochen.
Lange dachte ich hierüber nach.
Es war doch zu dumm, verprügelt zu werden und nichts getan zu haben.
Ich erwog (die Entscheidung) reiflich; zu meiner eigenen Sphäre zurückkehren oder erneut hinabsteigen.
Ich dachte an meinen Lehrmeister und an alles, was er mir gesagt hatte.
„Ihr könnt zurückfallen und mutlos werden, und darüber will ich wachen“, das hatte er gesagt.
Ja, ich war mutlos und ich zweifelte an mir selbst.
In dieser Stimmung blieb ich lange.
Aber was hatte ich dann gewonnen?
Wie sollte ich von diesem Leben berichten können?
Ich hatte noch nichts gelernt und wusste zu wenig von diesen Sphären.
Viele waren bereits zurückgekehrt, da sie es nicht hatten aushalten können.
In diesem Zweifel kamen andere Gedanken in mir auf und ich fühlte, dass mir aus der Ferne geholfen wurde.
War es mein Lehrmeister, der mir zu Hilfe kam?
Nein, ich würde nicht mutlos umkehren, tausendmal nein, sagte ich mir selbst, was ein anderer konnte, könnte auch ich.
Dann meldete ich mich wieder an und ich stieg mit einer anderen Kolonne hinab.
Diesmal hörte ich den schrecklich gellenden und schreienden Lärm der Finsternis.
Merkwürdig, dachte ich, dass ich dies beim ersten Hinabsteigen nicht gehört hatte.
Aber der Leiter sagte mir, dass ich noch immer nicht verbunden war.
Da haben wir die Bescherung, dachte ich, wie wenig weiß ich noch über dieses Leben.
Es war grässlich, was ich hörte.
Es war, als wenn ein Orkan im Anzug war, ein Sturm der Leidenschaft und Gewalt.
Trotzdem war ich froh, dass ich erneut hinabgestiegen war, denn nun fühlte ich mich stark und ausgeruht.
Man hatte mir klargemacht, dass ich an mich selbst denken musste.
Nun würde ich auf mich aufpassen und vorsichtiger sein.
Abermals befanden wir uns zwischen Höhlen und Baracken; dort lebten die am tiefsten Gesunkenen und diese brauchten Hilfe und waren meistens zu erreichen.
Sie sonderten sich von der Masse ab und baten um Hilfe, etwas, das ich erst jetzt zu verstehen lernte.
Irgendwo anders sah ich ausgestreckte Hände, durch Spalten herausgezwängt, die um Hilfe baten.
Doch würde man auf ihren Hilferuf eingehen, so würden einem die Hände gebrochen.
Diesen Wesen war nicht zu helfen.
Die Kräfte, mit denen man erfühlen konnte, wem zu helfen war und wem nicht, lernte ich kennen.
Unser Leiter machte mich darauf aufmerksam, dass wir in der Selbstmördersphäre waren.
Diesen Zustand hatte ich noch nicht gesehen.
Hier sah ich die Mörder der Erde, alle waren auf unnatürliche Art und Weise hier angekommen.
Da waren Frauen und Männer beisammen.
Sie fühlten ihre Schmerzen und Leiden so gut wie ich die meinen gefühlt hatte, doch welch ein Unterschied in Leid, Schmerz und Elend.
Mit Stricken um den Hälsen, Löchern in ihren Köpfen, kurzum, im schrecklichsten Elend lagen sie dort darnieder.
Bei Frauen sah ich scheußliche Szenen; sie lebten in ihren Sünden und diese ganzen Schrecken lagen wie Gestalten um sie herum; sie konnten sich nicht davon befreien.
Hier sah ich Menschen im unmenschlichsten Zustand, wie man es sich nicht vorstellen kann.
Mich schauderte bei all diesem Elend.
Zustände, die ich nicht beschreiben kann und will, weil ich das wahre Elend davon sowieso nicht in Worte umsetzen kann.
Was war mein Leid verglichen mit dem ihren?
Ich war dagegen ein Waisenknabe, hatte nicht solche Sünden begangen und kannte sie nicht.
Doch, lieber Jozef, ihnen war nicht zu helfen.
Wie viel hatten sie noch abzulegen?
Die Selbstmörder sind denn auch die unglücklichsten Wesen auf dieser Seite.
Ihnen ist auf viele Jahre hinaus nicht zu helfen.
Ich sagte bereits, dass sie ihre Hände herausstrecken und ringen, aber wehe, wenn sie dich zu fassen kriegen.
Erst mussten sie diese ganze Wildheit verlieren, also ablegen, dann ihren Kopf beugen und genug von diesem Leben kriegen, eher sind sie nicht zu erreichen.
Doch es gab welche unter ihnen, die bereits in diesen Zustand gekommen waren, und diese sollten wir aufsuchen.
Verstümmelt kommen sie von der Erde hier an und werden eine lange Zeit verstümmelt bleiben, bis sie ein anderes Leben beginnen wollen.
Kannst du verstehen, dass diese Menschen Hunderte von Jahren benötigen, ehe sie sich von ihrem Elend lösen können?
Ich hatte dafür bereits einige Jahre gebraucht.
Binnen einer Sekunde bringen sie sich in diesen Zustand, in diese erbärmliche Abstimmung.
Durch einen Schuss, einen Strick oder einen Sprung ins Wasser bringen sie sich in dieses Elend und das kostet sie unzählige Jahre des Kummers.
Dies alles ist Wirklichkeit, dies ist menschliches Elend!
Ach, ich darf nicht daran denken, was ich dort erlebte.
Trotzdem tun diese Menschen es sich selbst an, denn Gott ist ein Vater der Liebe.
Er hat dies nicht gewollt.
Lange könnte ich hierüber noch fortfahren, aber dieses ganze Elend, ich habe es bereits gesagt, ist nicht zu beschreiben.
Unser Leiter und die anderen waren mir voraus, als ich plötzlich hörte, wie um Hilfe gerufen wurde.
Es war ein leises, schmerzliches Rufen, sodass ich glaubte, dass jemand Hilfe brauchte und wünschte.
Noch einmal wollte ich es versuchen, aber ich würde vorsichtig sein.
Abermals versuchte ich, zu lauschen, und ja, wieder hörte ich, wie leise um Hilfe gerufen wurde.
„Hilfe, helfen Sie mir“, rief jemand mit heiserer Stimme.
Ich war stehen geblieben, um zu lauschen; nun trat ich etwas näher heran und hörte es erneut.
„Rufen Sie mich?“, fragte ich höflich.
„Ja“, sagte die Stimme, „helfen Sie mir.“
Ich zwängte mich durch eine Spalte und in einem Winkel der Höhle erblickte ich einen Menschen.
Er lag dort zusammengekauert.
Ich wagte mich etwas näher heran und fragte erneut: „Kann ich Ihnen helfen?
Wollen Sie, dass Ihnen geholfen wird?“
„Ja, ich will hier weg, ach, lassen Sie mich nicht allein.“
Ich erschrak gewaltig; einst hatte auch ich diese Worte ausgerufen.
Dieses „lassen Sie mich nicht allein“ kannte ich, es peitschte meine Seele.
Ihm würde ich helfen.
Wie scheußlich sah dieses Wesen aus.
„Tun Sie mir nichts Böses“, sprach es.
„Nein“, sagte ich, „ich tue Ihnen nichts Böses, ich werde Ihnen helfen.“
Ich würde schnell handeln müssen, je eher ich mit ihm von hier fort war, desto besser war es für uns beide.
Es war ein alter Mann und ich war sehr glücklich, dass ich gelauscht hatte und ihm helfen konnte.
Ich zog ihn auf einen Vorsprung, sodass ich ihn auf meinen Rücken nehmen konnte, denn er konnte offensichtlich weder stehen noch gehen.
Seine Beine waren gelähmt und baumelten an seinem Körper.
Auf der anderen Seite von der Spalte konnte ich mit ihm verschwinden und bald war ich unterwegs.
Aber nun stand ich vor einem großen Problem.
Wie sollte ich die Verbindungssphäre finden können?
Ich grübelte und grübelte, wusste aber nicht, was ich tun sollte.
Ich bat ihn, ruhig zu bleiben, und konzentrierte mich, und tatsächlich, ich fühlte, dass ich leichter wurde.
Jenes Leichterwerden bedeutete, dass ich aus diesem scheußlichen Einfluss herausgetreten und in einen anderen Zustand übergegangen war.
Mein eigener Körper begann, sich zu verändern, und dadurch spürte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Ja, ich fühlte es, ich hatte den richtigen Weg gefunden.
Trotzdem war es nicht leicht, vorwärtszukommen; etwas hemmte mich, aber ich wusste nicht, was.
Trotzdem wollte ich weiter und fort aus dieser Hölle des Elends.
Endlich ging es etwas leichter, und als ich mir sicher war, die Finsternis verlassen zu haben, ruhte ich ein wenig aus.
Ich setzte ihn vorsichtig auf den Boden und betrachtete ihn erst einmal richtig.
Wie sah dieser arme Kerl aus.
Welches Übel hatte er verbrochen?
„Wie sind Sie dorthin gekommen?“, fragte ich ihn.
Doch er ging auf meine Frage nicht ein und fragte: „Wo sind wir hier, wo bringen Sie mich hin?“
„Oh, machen Sie sich keine Sorgen, es wird Ihnen nichts Böses mehr geschehen, darüber werde ich wachen.“
Der Mann rieb sich die Hände und sagte nichts.
Vielleicht, dachte ich, war er nun wirklich bereit, ein anderes Leben zu beginnen.
„Wie lange sind Sie schon dort unten?“, fragte ich ihn wieder aufs Neue.
„Es können Jahre sein“, sagte er.
„Wissen Sie denn, dass Sie auf der Erde gestorben sind?“
„Ja, das weiß ich“, gab er mir kurz und unwirsch zur Antwort.
So, dachte ich, weißt du das, ich wusste es seinerzeit nicht.
„Gehen wir weiter?“
„Ja, wir werden aufbrechen.“
Ich zog ihn wieder auf meinen Rücken und auf ging es.
Es wurde immer schwerer und ich wollte abermals ein wenig ausruhen.
„Dauert es noch lange“, fragte er, „ehe wir dort sind, wo ich Ruhe finden werde?“
Was weiß er schon von Ruhe, dachte ich.
Niemand hier wusste etwas von geistige Ruhe.
Wer oder was war er?
Jetzt ängstigte ich mich nicht mehr, dass ich den Ort nicht finden würde, denn nun konnte ich mich orientieren und die richtige Richtung einschlagen.
Der Mann tat so, als wenn ihn die Finsternis und das Leben nichts mehr angingen.
Einen derartigen Typen hatte ich noch nie gesehen.
Bei vielen sah ich Tränen, aber er fühlte offenbar noch kein Leid und keinen Schmerz wegen der vielen Sünden, die er begangen hatte.
„Wie kommen Sie zu dieser Ruhe“, fragte ich ihn plötzlich, „haben Sie diese in der Finsternis kennengelernt?“
Ich fand meine Frage dumm und undeutlich gestellt, doch es war bereits geschehen.
„Zu dieser Ruhe?“, sagte er.
„Aber Sie sagen doch, dass Sie mich in ein anderes Land bringen werden, wo es ruhig sein wird?
Ich gebe mich Ihnen anheim.“
Wiederum stand ich geschlagen da.
Merkwürdig, dieser Kerl, dachte ich.
Auf jeden Fall nicht wie diese „Wilden“ dort unten, und doch hatte er dort gelebt.
Von dieser Abstimmung verstand ich nichts.
„Gehen wir weiter?“
Hatte er Angst oder war es Neugier; was fühlte er eigentlich?
Verwundert sagte ich: „Sie sind doch nicht so unglücklich, wie ich gedacht hatte.“
Er lächelte und sagte: „Wenn Sie sich besser zu konzentrieren und Ihre Kräfte zu nutzen wüssten, nicht zu viel an die Menschen dort dächten und sich mehr auf Ihren eigenen Zustand konzentrierten, so hätten Sie bereits gewusst, wer ich bin.“
Verdutzt sah ich das Wesen an und dort vor mir saß mein eigener Leiter.
Seine Verkleidung hatte er abgelegt.
Was ist denn jetzt los, dachte ich, was bedeutet das?
„Jetzt wisst Ihr das Dämmerland zu finden.
Ich habe Euren Mut und Willen bewundert, vorwärtszukommen, und beschloss darum, Euch zu helfen.
Über Euer Leben weiß ich Bescheid, und diejenigen, die ernsthaft wollen, werden wir mit allen Kräften unterstützen, die in uns sind.
Wahrlich, ich bin zufrieden.
Von den hundert Neulingen sind bereits fünfundsiebzig zurückgekehrt, sie alle sind zusammengebrochen.
Von Anfang an wirkte ich auf Euch ein und hemmte Euch, wodurch ich erreichte, dass Ihr lerntet, Eure Konzentration zu verstärken.
Das Übergehen in andere, uns unbekannte Zustände ist das innerliche Akzeptieren jener Abstimmung.
Ihr habt noch immer nicht akzeptiert und dabei habe ich Euch nun geholfen.
Jetzt könnt Ihr dieses Land aus eigener Kraft erreichen.“
Meine Freude war groß.
Wenn ich auch schön hereingefallen war, so hatte ich doch etwas gelernt.
Mein Leiter sagte: „Ihr habt mich getragen, ich habe Euch unterrichtet, und vergesst vor allem nicht – mit wem auch immer Ihr in Verbindung tretet –, Euch auf Eure eigene Abstimmung zu konzentrieren.
Dadurch fühlt Ihr das Leben eines anderen und wisst, wie Ihr zu handeln habt.
Ihr geht, indem Ihr Euch mit anderen verbindet, in jenes Leben über.
Seid Ihr bereit, mir zu folgen?
Dann will ich Euch nun alle Übergänge zeigen, die wir in der Finsternis kennen.“
Wieder stieg ich hinab und erlebte schreckliche Dinge.
Ich kam von einer Welt in die andere und ein Problem war noch schwieriger als das vorige.
Was ich bisher gesehen hatte, war dagegen nur Kinderspiel.
Ich lernte, mich in allen Übergängen zu konzentrieren, und wir stiegen immer tiefer hinab, bis zu den niedrigsten Sphären.
Danach kehrten wir zurück.
Wir fanden die anderen Brüder und dann begann ich aufs Neue, Unglücklichen zu helfen.
Viele brachte ich nach oben, ich sah erhabene Zustände und auch tief tragische.
Ich sah, dass ein Vater sein Kind in dieser Finsternis wiederfand, und beide weinten, weinten sehr lange.
Kinder sah ich bei Kindern, und Mütter, die trotz allem nicht aufzuhalten waren und zu ihren Lieben hinabgestiegen waren, um sie in diesem Schrecknis zu suchen, jahraus, jahrein, bis ihr Suchen endlich belohnt wurde.
Ich habe gesehen, wie sich herzzerreißende Szenen abspielten.
Ich dankte meinem Lehrmeister, da ich seine Kräfte fühlte, die mich aufrecht erhalten hatten.
Nun kannte ich die Hölle mit all ihren Tiefen und Schrecknissen.
Dies alles hatte aus mir einen anderen Menschen gemacht.
Ich hatte die Hölle im Leben nach dem Tod kennengelernt; ich wusste nun, wie Verbindungen zustande gebracht wurden, ich hatte gelernt, mich zu konzentrieren, und das Wichtigste war, dass ich etwas für andere getan hatte.
Als ich mit meinem letzten Unglücklichen nach oben kam, sagte man mir, dass ich nicht mehr hinabzusteigen brauche, da meine Kolonne zu unserer eigenen Sphäre zurückkehren würde.
Die anderen ließen nicht lange auf sich warten und bald waren wir zum Aufbruch bereit.
Nun konnten wir wieder etwas freier atmen.
Neun Monate, nach irdischer Zeit, waren wir dort unten gewesen.
Neun Monate des Elends, der Anspannung und des Schreckens.
Fünf Minuten davon auf der Erde sind für den Menschen bereits eine Ewigkeit.
Und dabei diese ganzen teuflischen Einflüsse zu verarbeiten, nein, ich sage es ehrlich, wir alle waren sehr froh, dass wir in unsere eigene Abstimmung zurückkehren konnten, um einige Zeit auszuruhen.
Schwebend gingen wir den Sphären des Lichts entgegen.
Meine erste Reise in die Hölle war zu Ende, aber ich war, wie ich schon sagte, ein anderer Mensch geworden.
Wie groß war meine Freude, am Ort des Abschieds meinen Lehrmeister zu sehen.
Wie wir einander begrüßten, brauche ich dir nicht zu sagen.
Er wusste von meinen Abenteuern, also abermals ein Beweis dafür, wie man auf dieser Seite miteinander in Verbindung bleiben kann.
Wieder sah ich die Natur in meiner eigenen Sphäre anders, alle Düsterkeit war nunmehr verschwunden.
Ich sann eine lange Zeit nach, und als ich fertig war, machte ich wieder lange Spaziergänge.
Die Menschen, mit denen ich gesprochen hatte, waren noch stets so, wie ich sie verlassen hatte.
Sie dachten nicht daran, zu beginnen.
Wie viele Jahre mussten noch vergehen, ehe auch sie anfangen würden, an sich zu arbeiten?
Und für andere etwas zu tun, daran dachten sie schon gleich gar nicht.
Ich fühlte mich sehr glücklich, denn in Wirklichkeit hatte sich hier nichts verändert, nur ich hatte mich verändert.
Das sah ich am deutlichsten an denen, die ich kannte.
In meiner Sphäre wurde ich von vielen herzlich empfangen und es gab ein Fest zu Ehren derer, die zurückgekehrt waren.
Viele Frauen weinten noch immer so, dass ich glaubte, sie würden ihre Seele trockenweinen, bis keine Träne mehr in ihr war.
Es waren bedauernswerte Menschen und was sollte man mit diesen Wesen anfangen?
Ihnen war doch nicht zu helfen.
Ich hatte viel erreicht und trotzdem war ich noch nicht dort, wo ich sein wollte.
Ich war mit diesem Ergebnis noch nicht zufrieden, denn ich wollte die erste Sphäre erreichen.
Nachdem ich mir alles, bis hin zu den tiefsten Problemen, zu eigen gemacht hatte und in die Natur vorgedrungen war, suchte ich also nach einiger Zeit den Bruder wieder auf und nun erzählte dieser mir, dass wir wieder eine andere Reise beginnen würden.
Wiederum lernte ich allerlei Übergänge kennen; danach begaben wir uns zur Erde und nach einem Jahr kehrten wir in unsere Sphäre zurück.
Der Bruder nahm mir nun viele Prüfungen ab.
Nun konnte ich beten, denn ich hatte in dieser Zeit gelernt, wie man ein einfaches Gebet hinaufzuschicken hat.
Bevor wir in unsere Sphäre zurückkehrten, hatte ich bereits beschlossen, abermals für einige Jahre hinabzusteigen.
Jetzt sollte meine Reise zur Finsternis einige Jahre dauern, denn nun herrschte kein Zweifel mehr in mir.
Ich war mir allem, was ich tat, bewusst und ich wusste, wie ich mich verbinden musste, was auch auf mich zukommen würde.
Nun würde ich – auch, wenn es länger dauerte – nicht so zu leiden haben wie auf meiner ersten Reise.
Diese Reise will ich dir nicht beschreiben.
Es reicht aus, wenn ich sage, dass ich hinabstieg und dass ich keine Sekunde zögerte, mich dort gänzlich zu geben, wo Hilfe benötigt wurde.
Zwei volle Jahre dauerte es, bis ich wieder nach oben kam.
Lange für die Erde, aber nur der Bruchteil einer Sekunde für die Ewigkeit.
Dennoch hatte ich in diesem Bruchteil eine Menge Arbeit verrichtet; viel Leid hatte ich in Glück verwandeln können und ich hatte unsagbar viel gelernt.
Ich linderte Wunden und heilte Seelen.
Oh, wie viel gibt es dort zu tun!
Wir werden nicht aufhören, ehe sich die Hölle in eine Sphäre des Lichts verwandelt hat.
Als auch jene Zeit wieder vorbei war und wir zu unserer eigenen Sphäre zurückkehrten, holte mein Lehrmeister mich an der Grenze der Finsternis ab und zusammen gingen wir in meine Sphäre.
Nun sah ich keinen Herbst mehr; in mir lag die stille Ruhe einer guten geistigen Abstimmung.
Das Grau, das ich in allem gesehen und gefühlt hatte, war verschwunden.
Eine lange Zeit verweilte ich in der Natur und meditierte und dachte an alles, was ich hatte erleben dürfen.
Alle psychischen Gesetze, die mir auf der Schule beigebracht worden waren, hatte ich mir zu eigen gemacht, ich meine die von den Höllen der Erde bis hin zu meiner eigenen Abstimmung.
Als ich mit dem Meditieren fertig war, sagte der Bruder, dass wir eine neue Reise unternehmen würden.